Falsch verstandener Tierschutz 

Ist Tierschutz wirklich immer zum Wohl des Tieres? Muss  jeder Hund gerettet werden?

 

Unsere Erfahrung hat uns gelehrt, dass nicht jede Vermittlung zum Wohl des Hundes ist! Heißt nicht, dass wir völlig gegen Vermittlungen von Hunden und Katzen sind. Aber ...es gibt eben dieses kleine „Aber“... nicht jedes Tier ist glücklich darüber, in ein Haus/Wohnung oder in eine Familie mit Kleinkindern und viel Trubel zu kommen!

Manche wären glücklicher auf den Straßen, von denen sie kommen, auch wenn es vielleicht eine kurze Lebenserwartung mit sich bringt, durch Krankheit oder Unfälle, denn nicht jeder Straßenhund wird misshandelt oder vergiftet. Oftmals werden die freilebenden Tiere toleriert und manche sogar von Bürgern versorgt und mit Respekt behandelt. Natürlich wollen wir nicht leugnen, dass es Fälle von Misshandlungen etc. gibt, und da sollte auch geholfen werden. Wir wünschen uns aber, dass mit möglichen Adoptanten (gerade mit Anfängern und Familien mit Kindern) wirklich offen und ehrlich umgegangen wir, und ein Hund nicht auf Deibel komm raus vermittelt wird. Gerade Anfängern und Familien sollte man zumindest den Tipp geben, sich die Hunde in Pflegestellen anzuschauen und kennenzulernen. Hunde, die in Pflege sind, benötigen erstmal eine Eingewöhnungszeit, um sie richtig darstellen zu können. Ein Hund, der in einem Shelter oder Perrera oder ähnlichem lebt; der den ganzen Tag in einem kleinen Zwinger sitzt, dessen Wesen und Verhalten kann man nicht richtig beurteilen. Selbst wenn der Hund in einer Pflegestelle war, kann / wird er sich ändern, wenn er in seinem neuen Zuhause richtig " ankommt". Das kann sehr schnell gehen, aber auch Wochen oder Monate dauern.

 

Vor einigen Wochen wurde unser Team-Mitglied Nina Riehn und ihr Lebensgefährte Alex Mey von Woods-Dog um Hilfe gebeten. Es ging um einen Hund, Freddie, der direkt aus Rumänien in eine Familie mit Kindern kam....

Diese hatten leider keinen einzigen Tag einen Familienhund, aber lesen Sie besser aus der Sicht des Adoptanten: 

 

"Auf den Hund gekommen

 

Wir sind eine lebhafte 5 köpfige Familie, viel unterwegs, unternehmenslustig und in unserem Haus gehen ständig Menschen ein und aus. Mama und Papa sind beide berufstätig, haben aber als Lehrer ganz humane Arbeitszeiten. Die Kinder sind 9, 6 und 3 Jahre alt. Auch eine Katze und ein Hamster haben bei uns ihr Zuhause.

Die Idee, einen Hund zu holen wurde schon öfter diskutiert und wieder verworfen. Zuwenig Zeit, zuviel Verantwortung... aber schön wäre es irgendwie doch.

Da tauchte auf einmal in der whats app Gruppe des Reiterhofs ( Ja, Mama und die Kleine reiten regelmäßig) ein süßer wuscheliger Hund auf. Freddie ist 4 oder 5 Jahre alt und muss dringend aus einer rumänischen Tötungsstation gerettet werden.

Schnell war der Kontakt zu dem betreuenden Tierschutzverein hergestellt und Freddie wurde als entspannter, freundlicher Familienhund dargestellt, der sowohl mit den Kindern als auch der Katze keine Probleme hätte.

Sämtliche Bedenken und Einwände wurden aus dem Weg geräumt: „ Kann der Hund Auto fahren?“ „Kein Problem!“, „Läuft der Hund an der Leine?“ „Problemlos!“, „Kann der Hund auch alleine sein?“ „Bis zu 7 Stunden!“. Meine Bedenken wurden so Stück für Stück minimiert und gegen eine euphorische Frau und drei begeisterte Kinder konnte ich mich kaum durchsetzen. So kam es, wie es kommen musste, Freddie sollte unser neues Familienmitglied werden.

Er sollte in den Herbstferien kommen, so dass wir Zeit hätten uns aneinander zu gewöhnen, bis der normale Wahnsinn des Alltags wieder losgeht. Erweitert und bereichert um einen Hund, der auch für absolute Anfänger wie uns, kein Problem sei.

Wir freuten uns sehr, dass wir für geeignet erachtet wurden, das Tier aufzunehmen, als wir Besuch von dem Verein erhielten, der sich unsere Wohnsituation ansah und auch alle Fragen beantwortete.

Ungeduldig warteten wir auf den Transport aus Rumänien, unsere Betreuerin aus dem Verein sollte uns begleiten und den Einstieg des neuen Familienmitglieds erleichtern.

Gut so, denn ehrlicherweise war ich sehr nervös und aufgeregt, ich hatte ja gar keine Ahnung was uns erwartete und außer der Tatsache, dass Hunde 4 Beine, einen Schwanz, Zähne und Fell haben, weiß ich nichts von den Tieren.

Samstags nachts um 22h sollten wir den Hund auf irgendeinem niederrheinischen Bauernhof abho­len. Wir waren vorbereitet. Hundekörbchen, Decke, Spielzeuge, verschiedenen Futtersorten und Leckerli waren bereit. Dazu kamen mehrere Leinen und ein „no escape“ Geschirr, da wir darüber informiert wurden, dass die Hund gerne mal flüchten?! Die richtige Größe für das Geschirr mussten wir allerdings raten.

Da es so spät wurde, beschlossen wir, dass nur ich und unser Sohn, das Tier in Empfang nehmen sollten. Eigentlich war ein großer Empfang geplant, an dem bis auf Katze und Hamster alle Freddie in die Arme schließen sollten.

Kurz vor Abfahrt sagte unsere Betreuerin ab, dies sei aber kein Problem, vor Ort würde sich jemand um uns kümmern. Na gut, wir fuhren also bei Nacht und Nieselregen los und hatten nach 40min den Hof auch tatsächlich gefunden. Dort hatten sich schon etliche andere potentielle Hundebesitzer ein­gefunden, die rauchend und frierend im Regen standen und auf ihren neuen Freund warteten. Von unbedarften Familien wie uns, bis zu abgebrühten tätowierten Frauen in Jogginghosen, die schon den dritten Hund holten war alles vertreten.

Wir erfuhren, dass der Transporter schon 28h unterwegs war und 35 Boxen fasste. Alle zwei Wo­chen fuhr er den Bauernhof an, wo verschiedene Privatpersonen und Tierschutzvereine die Tiere in Empfang nahmen. Diesmal waren es nur 16 Tiere. Alles war gut organisiert, der Transporter fuhr rückwärts auf den Hof und nur die aufgerufenen erwartungsvollen Besitzer durften sich an der La­deklappe einfinden, ihren Hund mit Hilfe eingurten und dann so schnell wie möglich auf dem Arm zum Auto bringen. Es wurde uns dringlichst nahegelegt, nicht erst den Hund kennenzulernen, ge­schweige denn zu füttern oder Gassi zu führen.

Freddie stellte sich als der größte Hund heraus, der völlig verängstigt aus der Box gezogen wurde. Eine freundliche Dame half uns mit dem Geschirr und ein Junge trug den Hund ins Auto, wo wir ihn an der Leine befestigten und einige Leckerli gaben, die er allerdings verweigerte.

Soweit so gut, wir hatten es geschafft, den Hund ins Auto zu laden. Mein mulmiges Gefühl und Un­sicherheit überspielte ich gekonnt und so fuhren wir wieder durch die Dunkelheit während bestiali­scher Gestank aus dem Kofferraum nach und nach das ganze Auto erfüllte.

Ich nahm mir vor, nach dem Aussteigen erstmal mit dem Hund eine Runde zu gehen, aber es kam ganz anders. Freddie hatte sich so unter die Sitze verkrochen, dass er nicht aus dem Kofferraum zu holen war. Als ich ihn zwischen den Sitzreihen holen wollte, kroch er nach hinten, als ich ihn von hinten erreichen wollte, wand er sich wieder nach vorne. Das Spiel wiederholten wir ein paarmal, bis ich ihn beherzt am Geschirr und der Leine packte und aus dem Auto zog. Was hätte ich sonst tun sollen? Statt auszusteigen verbiss sich Freddie aber in meinem Unterarm. Und versuchte dann abzu­hauen. So, wie er sich an der Leine verhielt, war ein Spaziergang utopisch. Er zog mit eingezoge­nem Schwanz mal nach rechts und links, versuchte in den Vorgärten der Nachbarn zu verschwinden und hatte sichtlich genausowenig Freude an der Situation wie ich. Also dachte ich, gut, lassen wir ihn ankommen und zog Freddie ins Haus, wo meine Frau schon erwartungsvoll aber ebenso verun­sichert wie ich, wartete.

Freddie stürmte das Haus, raste von oben nach unten und erfüllte das ganze Gebäude mit Panik, Un­ruhe, beißendem Gestank, zotteligen Haaren und kurz darauf auch mit einem See aus Urin.

Irgendwie verfrachteten wir den Jungen ins Bett und versuchten uns, dem Hund zu widmen.

Meine Frau beriet sich per whats app gleichzeitig mit mindestens drei Vereinsmitgliedern und es gab viel Beruhigung, Zuspruch und Ratschläge. Zeit geben, ankommen lassen, wenig Aufmerksam­keit, immer Leckerli geben und und und. Der arme Hund sei geschockt von der Fahrt und er habe be­stimmt schlimme Erfahrungen mit Männern gemacht. Das gebe sich schon wieder und am besten sollten wir ganz normal ins Bett gehen.

Dies versuchten wir auch, während aus der Wohnküche immer wieder Scheppern und Krachen zu hören war und der Hund hoch und runter durchs ganze Haus raste. Immer wieder mussten wir auf­stehen. Diese Nacht war schlimmer als die ersten Babynächte, ein Kind kann ich wenigstens einschätzen.

Gegen 5 Uhr morgens beschloss ich, nachdem der Hund ein wenig zur Ruhe gekommen war, dass ich jetzt mit ihm Gassi gehen sollte. Gute Hundebesitzer machen dies ja zu jeder Zeit und bei jedem Wetter. Gegen den Widerstand des Hundes und todesmutig meine Angst überwindend, legte ich dem Tier die Leine an. Wie zuvor schien dies einen enormen Widerstand zu wecken. Freddie zog wieder in alle Richtungen, sobald wir vor der Tür waren drückte er sich mit dem Po in sämtliche Hecken und versuchte immer wieder zu entkommen.

Irgendwann fand ich mich in der dunkelsten Stunde der Nacht am örtlichen Hundeklo ein. Doch statt zu schnuppern, sich zu freuen oder gar zu erleichtern ( was ich natürlich mit einem Leckerchen belohnt hätte) zog er an der Leine, bis er sich irgendwann einfach im strömenden Regen einfach auf den Boden legte und liegen blieb. Ich genoss zwar die vorübergehende Entspannung trotz aufstei­gender Feuchtigkeit und Kälte, leider musste ich irgendwann wieder nach Hause und so zog ich den wider­spenstigen Hund hinter mir her zur Tür...sozusagen unverrichteter Dinge. Die erledigte er dann kurz darauf im Haus.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die nächsten Tage emotional sehr anstrengend waren. Es fühlte sich an, als hätte ich eine Mischung aus indischem Straßenjungen und sibirischem Wolf ad­optiert. Diese Mischung ließ ich dann naiv auf meine Frau, meine Kinder und mich los, da ich ja oft genug gehört habe, dass es einfach nur Zeit brauche und der Hund sich schon an sein kuscheliges Zuhause gewöhnen würde.

Perfiderweise sprach das Tier positiv auf meine Frau an und folgte ihr auf Schritt und Tritt, während seine Ignoranz und Abwehr mir gegenüber immer schlimmer wurde. Ich musst nur die Haustür öff­nen, da ging er schon auf Abstand und wehe wir fanden uns in Situationen wieder, in denen es eng wurde für das Tier.

Auch die Betreuerin wurde nicht schlau aus dem Tier und traute ihm nicht so richtig. Da es für uns wichtig war, dass der Hund funktionieren solle, riet sie uns, alles ganz normal zu tun. Hund käm­men, duschen, füttern, Gassi gehen und immer schön belohnen. Sie traute sich aber selbst nicht zu, den Hund anzufassen.

Inzwischen fraß und trank er zwar, die Leine ließ sich Freddie aber kaum anlegen, anfassen ließ er sich auch nicht und unsere Leckerchen aus dem stadtbekannten Tiermarkt schien er gar nicht zu er­kennen, geschweige denn anzunehmen oder aus der Hand zu fressen.

Ich wurde immer unruhiger und nervöser, es wurde immer deutlicher, dass der Hund sich zwar lang­sam etwas entspannte aber es wurde klar, dass sich das Tier nicht in unseren Alltag integrieren würde. Menschen und Unruhe erfüllten ihn mit totaler Anspannung. Ich war nie sicher, ob er nicht beißen würde und so ein Tier sollte alleine zuhause bleiben geschweige denn in unserer Lehrerkon­ferenz still unter dem Tisch liegen?

Trotzdem hatten wir die ganze Zeit ein schlechtes Gewissen. Immer hatten wir auch das Gefühl dem Tier nicht gerecht zu werden und alles falsch zu machen.

Die Kinder hatten wir schon bei den Großeltern versorgt und alles drehte sich nur noch um den Hund. Meine Frau schrieb inzwischen ununterbrochen mit sämtlichen Tierfreunden des Vereins und holte sich auch telefonisch Rat.

Wir sollten den Garten abzäunen, ein Hundezimmer einrichten, einen Hundetunnel besorgen, das Tier ignorieren und positives Verhalten belohnen. Klingt alles gut aber nach sehr viel Arbeit und Geduld und nicht nach fröhlichem Familienleben mit Hund.

Wir taten dem Vorstand des Vereins am nächsten Abend unsere Überforderung kund. Der Hund war inzwischen einmal aus dem Garten abgehauen. Er war dort angeleint ( auch so ein Ratschlag)und hatte sich aus dem „no escape“ (!) Geschirr befreit. Glücklicherweise kam er schnell wieder. Die Dame hatte zwar Verständnis, konnte aber keine mögliche Pflege und Alternative für den Hund auf­weisen, was unser schlechtes Gewissen natürlich nicht minderte. Ob wir es noch ein paar Tage aus­halten können und ob wir den Hund auch 300km Richtung Bayern oder Berlin oder sonstwohin fah­ren könn­ten?

Freddie nahm uns die Entscheidung ab. Als ich mittags den Müll rausbrachte, öffnete er sich die Zwischentür, marschierte gemütlich durch die Haustür an mir vorbei und wurde 10min später im 3km entfernten Nachbarort gesichtet.

Im Nachhinein war dies unser Glück, an diesem Tag drehte sich aber zunächst alles noch mehr um den Hund, diesmal in Abwesenheit.

Innerhalb von wenigen Minuten bildete sich ein Netzwerk aus Tierschützern, Hundebesitzern und Hundetrainern und Freiwilligen. Alle hatten wieder Ratschläge und Tipps und brachten sich aber auch praktisch ein. Wir sollten Suppe kochen, Leberwurst auslegen und unsere Tür immer auflas­sen.

Innerhalb einer Stunde wussten Polizei, Feuerwehr, Tierheime, Tierkliniken und Autobahnmeisterei Bescheid. Freddie war auf whats app, facebook und wahrscheinlich auch in der Zeitung.

Die zentrale Anlaufstelle war das Handy meiner Frau, dass ununterbrochen klingelte, brummte und forderte. Meine Frau erhielt und verfasste Anrufe, Nachrichten und Sprachnotizen. Als ich das Gerät einmal in der Hand hielt, steigerte sich mein Stresspegel direkt um 400%.

Freddie wurde tatsächlich gefunden und gebunden, aber uns war schnell klar, dass wir den Hund nicht mehr nehmen könnten, schon gar nicht nach diesem Streß. Aus dem bekannten Verein konnte uns aber keiner helfen, außer zu einer Beruhigungstablette raten, für den Hund, nicht für uns.

So kam es, dass ein Ehepaar, die sich mit Hundetraining und Hundebetreuung befasst, Freddie mit uns abholte und auch aufnahm.

Ich war so erleichtert, ich wusste Freddie in guten Händen und ich musste nicht irgendwie versu­chen, diesen Hund zu integrieren, der vielleicht gar nicht integriert werden will.

Die darauffolgende Auseinandersetzung mit dem Verein will ich gar nicht weiter erläutern. Überen­gagierte Tierschützer beschimpften uns und unsere Helfer wüst und vulgär, weil wir uns selbst halfen wo der Verein nicht helfen konnte. Fehler wurden verleugnet und Schuld verschoben, statt Lösungen für die Situation und den Hund zu suchen.

Vor al

 

 

 

lem ärgert mich bis heute die scheinheilige Betroffenheit über den armen Hund, der vielleicht gar nicht hätte gerettet werden müssen, der aber in einer Fami­lie aus Hundeanfängern nicht nur am falschen Platz sondern auch noch gefährlich war."

Durch die Hilfe des Rudels und die erfahrenen Hände von Nina und Alex , wird es nun wohl doch möglich sein Freddie zu vermitteln...aber auch nur in erfahrene Hände!